Presse: Von den Flugschriften zur Massenpresse


Presse: Von den Flugschriften zur Massenpresse
Presse: Von den Flugschriften zur Massenpresse
 
Johannes Gensfleisch zur Laden, genannt Gutenberg, erfand Mitte des 15. Jahrhunderts den Druck mit beweglichen Lettern. Einzelne, in Blei gegossene Lettern konnten nun zu Wörtern und Sätzen zusammengefügt, eingefärbt und in der Druckpresse auf Büttenpapier abgedruckt werden. Schon zu Lebzeiten Gutenbergs führten dessen Schüler die Kunst des Buchdrucks in Italien ein. Nach seinem Tod 1468 verbreitete sie sich in ganz Europa. Diese Drucktechnik blieb bis ins 19. Jahrhundert hinein in ihren Grundzügen unverändert und entwickelte sich erst im Zeitalter der industriellen Revolution mit der Konstruktion der Druckmaschine 1810 weiter.
 
 Die Flugschriften der Reformationszeit
 
Die technische Innovation des Drucks von Texten entfaltete ihre revolutionäre Kraft im Zuge der kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen, die Europa an der Schwelle vom Mittelalter zur frühen Neuzeit radikal verwandelten. Von Italien aus hatte sich die Bildungsbewegung des Humanismus über Europa ausgebreitet; mithilfe der Druckpresse konnte die Nachfrage nach Buchausgaben lateinischer und griechischer Klassiker befriedigt werden. Das wachsende Interesse an Büchern sorgte für eine rasche Ausbreitung des Druckerhandwerks. Aber nicht das gedruckte Buch entwickelte sich zum ersten »modernen« Massenmedium, sondern die Flugschrift. Die gedruckte Flugschrift erlebte während der Reformation ihre Blütezeit. Die Reformatoren entdeckten schnell die Vorzüge des neuen Mediums, um einen heftigen Meinungsstreit über religiöse Ideen und gesellschaftliche Missstände zu entfachen und ihre Ideen in der Gesellschaft zu verankern. Vor allem die Flugschriften Luthers und seiner Anhänger Melanchthon und Hutten erlebten hohe Auflagen und erreichten schnell ein großes Publikum.
 
Wirklich gelesen werden konnten die Flugschriften nur von wenigen Menschen. Nur etwa 1 % der Landbevölkerung und rund 30 % der Stadtbevölkerung, so wird geschätzt, waren lesekundig. Die Inhalte der Flugschriften wurden deshalb oft in Gedicht- und Liedform abgefasst und den Leseunkundigen in anschaulicher Weise vorgelesen oder vorgesungen. Für die gebildeten Schichten blieben das Buch und die handschriftliche Korrespondenz die primäre Quelle der Reproduktion und Verbreitung von Nachrichten und Wissen.
 
 Handgeschrieben und gedruckt: Die Zeitung
 
Dies änderte sich erst mit der Weiterentwicklung der Flugschrift zur regelmäßig erscheinenden Zeitung. Die Erfindung der Zeitung war eine Antwort auf das Bedürfnis von Kaufleuten und Gelehrten nach regelmäßiger, zuverlässiger Information. In der frühen Neuzeit entwickelte sich in Europa ein reger Waren- und Nachrichtenaustausch. Mit der Ausweitung des Waren- und Geldverkehrs in Europa und bald auch über dessen Grenzen hinaus nach Amerika, Afrika und Asien stieg der Wert von Nachrichten und Informationen. Nachrichten entwickelten sich zu einer handelbaren Ware. Ihre Kenntnis konnte über den Erfolg oder Misserfolg von Handelsunternehmen entscheiden.
 
Um die Wende zum 17. Jahrhundert gab es in vielen Städten Korrespondenten, die wöchentlich Nachrichten an verschiedene Kunden, vor allem an Kaufleute, Diplomaten und Hofbedienstete, schickten. Man sammelte und verbreitete sie zunächst in Form handgeschriebener Briefe. Diese handgeschriebenen »Korrespondenzen« hießen Zeitungen oder Avisen. Deren zunehmende Verbreitung war erst dadurch möglich geworden, dass allmählich regelmäßige Postverbindungen zwischen den Städten eingerichtet wurden. Die Korrespondenzen enthielten informative und weltläufige Berichte über Reichstage, Kriege, Ernteerträge, Steuern und vieles andere mehr.
 
Anfang des 17. Jahrhunderts kamen in einigen Städten Drucker auf die Idee, die Nachrichten der Korrespondenten regelmäßig zu drucken und zu verkaufen. Die ersten Zeitungen erschienen zunächst wöchentlich, um die Mitte des 17. Jahrhunderts schon täglich. Für die Korrespondenten wie für die Drucker lag es nahe, weitere zahlende Abnehmer für Nachrichten und Informationen zu gewinnen. Zum Massenmedium konnte die periodische Presse allerdings erst werden, als Post und Buchdruck schnell genug waren, um die Nachrichtenblätter rasch und in ausreichender Anzahl herzustellen und zu verbreiten. Mit den Postboten, die die Auslieferung der Zeitungen übernahmen, fand sich erstmals auch eine Möglichkeit, die Verteilung von Massenschriftsachen regelmäßig und zuverlässig zu gewährleisten. Schon seit dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts wurden die Zeitungen durch regelmäßig erscheinende Zeitschriften ergänzt, die nicht in erster Linie Informationen, sondern gelehrte Instruktionen, Kritiken und Rezensionen enthielten. Im Laufe des 18. Jahrhunderts hielt mit dem gelehrten Artikel das Räsonnement Einzug in die Tagespresse. Trotz vieler Zensurversuche entwickelte sich die Presse zu einem Medium, in dem und mit dem die Öffentlichkeit der lesenden und schreibenden Privatleute den Staat zur Rechenschaft ziehen konnte. Die öffentliche Meinung entwickelte sich zu einem machtvollen Gegengewicht zu den Interessen des Staates.
 
Seit dem 17. Jahrhundert wurden periodische Nachrichtenblätter gedruckt und mit der Post an eine wachsende Leserschaft verteilt. Die »massenhafte« Versorgung von Millionen von Lesern mit »täglichen« Informationen, mit Unterhaltung und Werbung wurde aber erst durch die Kombination verschiedener neuer Techniken möglich, allem voran durch die im 19. Jahrhundert entwickelte Rotationsdruckmaschine, durch den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und die Einführung neuer Massentransportmittel wie der Eisenbahn. Der gesellschaftliche Durchbruch der Massenpresse und ihrer technisch-ökonomischen Grundlagen ist ein Produkt und Ergebnis der industriellen Revolution, die, von Großbritannien ausgehend, im 18. und 19. Jahrhundert große Teile Kontinentaleuropas und Amerikas erfasste. Die Industrialisierung mit ihrem wachsenden Bedarf an gut ausgebildeten Arbeitern förderte die Alphabetisierung der Gesellschaft über alle Standes- und Klassengrenzen hinweg. Die Industriegesellschaft ist eine städtische Gesellschaft und eine Bildungsgesellschaft.
 
 Die Presse als Massenmedium
 
1810, einige Jahre nach der Französischen Revolution, die eine ungeheure Nachfrage nach politischen und kulturellen Informationen ausgelöst hatte, erfand Friedrich Gottlob Koenig die erste Druckmaschine, die Schnellpresse. Die Kombination dieser Technik mit der Dampfmaschine als Kraftantrieb schuf die Grundlage für den endgültigen Durchbruch der großindustriellen Massenpresse. 1845 erhielt der Amerikaner Richard M. Hoe das Patent für die erste moderne Rotationspresse. 1851 gelang es dem britischen Konstrukteur Thomas Nelson, die Rotationsmaschine für den Druck von »endlosen« Papierrollen einzurichten. Die technischen Voraussetzungen für die Entwicklung der gedruckten Massenmedien trafen auf eine Informations- und Kommunikationskultur, die sich in ihren Grundzügen bereits seit dem Ende des Mittelalters ausgebildet hatte. Die auf der modernen Maschine und den Strukturen der großindustriellen Massenproduktion beruhende massenhafte Vervielfältigung von Texten und Bildern spiegelt die Dynamik der politischen und der industriellen Revolutionen in Europa und Amerika wider.
 
Die Geschichte der Entstehung des Massenmediums Zeitung verdeutlicht, dass die Technologieentwicklung ein sozialer Prozess ist, in dem Kultur, Gesellschaft und Ökonomie auf das Tempo und die Richtung technischer Entwicklungen einwirken und gleichzeitig von technologischen Veränderungen stimuliert werden. Im Begriff Presse, der sowohl auf die Erfindung der technischen Vervielfältigung von Texten als historischem Meilenstein verweist als auch die einflussreiche Personengruppe bezeichnet, die sich der Druckerpresse als technischem Machtmittel bediente und heute die »neuen« Medien wie Radio, Fernsehen und Internet beherrscht, zeigt sich zum ersten Mal öffentlich, dass die Produktion und Verteilung von Wissen eine Quelle der Macht ist.
 
Prof. Dr. Christiane Bender ' Dipl. oec. Hans Graßl

Universal-Lexikon. 2012.

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